Ein Text zum Thema Baby-Klappe

von Susanne Maja Wilhelm

Klappe auf - und Schweigen?

Stolz sind wir darauf, daß wir uns weiterentwickeln, daß Fortschritt unser Leben bestimmt. Die Babyklappe - ein (Rück)-Schritt in das Mittelalter, der uns als Fortschritt weisgemacht wird? Keine Frage, dem Kind rettet sie erst mal das nackte Leben. Doch ist das "nackte Leben" schon die Rettung? Die mittelalterliche Babyklappe stellt das Recht des Kindes auf Identität, das übrigens gesetzlich verankert ist, zurück vor dem Recht der Mutter auf Anonymität, das fraglos akzeptiert scheint.
Warum eigentlich?
Mütter, die ihr Kind weggeben, sind nach Meinung der meisten Menschen nicht wirkliche Mütter. Sie sind nicht "normal" und haben deshalb das Recht auf einen Platz in unserer Gesellschaft verloren. Darum ist es doch besser, sie gleich ganz zu verschweigen, das heißt, wenn sie schon so etwas Unnormales tun , wie ihr Kind wegzugeben, sollen sie sich doch gefälligst unauffällig zurückziehen und den Mund halten.
Diese Mütter wollen doch selber unerkannt bleiben, sie haben sich gegen die Mutterschaft entschieden, haben wir das nicht zu respektieren? Eine berechtigte Frage, doch ebenso berechtigt ist die Frage, wie sich das Kind gegen seine Kindschaft entscheiden soll, wie sich das Kind gegen seine Herkunft, seine Wurzeln entscheiden soll.
Wie gegen die Nase, die Augen- und Haarfarbe, das aufbrausende Temperament, die Musikalität, die wir bei sogenannten "normalen" Familien so stolz, als von der Mutter oder dem Großvater vererbt erkennen??
Es gibt sie, die weggegebenen Kinder, die sagen, "das interessiert mich nicht, ich brauche keine Wurzeln". Was hat einen Baum dazu gebracht, ohne Wurzeln leben zu wollen???
Aber da sind doch die neuen Eltern, die neue Familie, in die das dort doch so erwünschte Kind kommt. Dort wurde eigentlich das eigene, das leibliche Kind gewünscht, doch das kam nicht.
"Dann adoptieren wir eben eines!" Wird das "eben adoptierte Kind" die Lücke ausfüllen können? Wird es sein Trauma, weggegeben worden zu sein und die Trauer darüber, in einem Haus der Trauer über den unerfüllten Kinderwunsch leben können?
Im Hinblick auf die Mutter, die ihr Kind nicht behalten kann/will, scheint mir vor allem auch die Frage berechtigt, schafft eine Frau, die derart am Ende ist, daß sie ihr Kind in die Mülltonne wirft, den Weg zur Babyklappe? Ist nicht diese Verzweiflungstat an sich Zeichen dafür, daß eine verantwortliche Tat , wie auch immer, eben nicht mehr möglich war?
Gibt es für Frauen, die diese Kraft noch aufbringen können, nicht auch jetzt schon genügend Möglichkeiten ihr Kind anonym auszusetzen (z.B. in einem Krankenhaus) und sicher zu gehen, daß es versorgt wird? Dies aber eben ohne die Rechtfertigung des Bedürfnisses auf Anonymität, das auf Kosten des Interesse des Kindes geht.

Die Babyklappe aus dem Mittelalter läßt mir als vor 35 Jahren Weggegebene zu viele Fragen offen, und sie birgt die Gefahr in sich, dem erwachsen gewordenen Kind die Chance auf Antworten zu nehmen.
Stünde es einer fortschrittlichen Gesellschaft nicht eher an, über die Frage nachzudenken, wie wir es Müttern ermöglichen können, zu dem Umstand, ihr leibliches Kind aus welchen Gründen auch immer, nicht selbst aufziehen zu können, zu stehen? Es zu akzeptieren, daß es so etwas gibt, da wir es ja auch akzeptieren, daß es jede Menge Väter gibt, die sich nicht in der Lage sehen ihr Kind anzunehmen, und die oft der Grund für die Weggabe sind?
Warum dieses Tabu der Rabenmütter?
Würde uns das Aufbrechen dieses Tabus nicht auch die Akzeptanz des Rechtes des Kindes auf Herkunft erleichtern?
Über etwas das akzeptiert ist, über etwas das es gibt, kann auch gesprochen werden, es muß nicht verschwiegen werden, wie ein gefährliches Geheimnis. Damit bliebe es, wie bei allen anderen auch diesem Kind selbst überlassen, wie intensiv es sich mit seiner Herkunft auseinandersetzt oder nicht.

Wieder viele Fragen.
Aber mir ist es lieber mich diesen Fragen zu stellen und um ihre Beantwortung zu ringen, als fraglos Antworten über ein "Baby in der Klappe" parat zu haben.